Ursachen für erhöhte Geräuschempfindlichkeit

Wieso sind manche Menschen geräuschempfindlicher?

Lärm kann einen zur Verzweiflung treiben – definitiv. Wer abends einschlafen möchte, während nebenan Party gefeiert wird, kann ein Lied davon singen. Nachbarn, Auto- und Schienenverkehr, Flugzeuge – Lärm kann viele Ursachen haben und ist heutzutage vor allem in Städten fast allgegenwärtig. Man entkommt ihm kaum.

Doch reagiert nicht jeder gleich auf ein- und dieselbe Lärmquelle. Während der eine den Straßenverkehr vor dem Fenster kaum wahrnimmt, fühlt sich der andere dadurch massiv in seiner Lebensqualität beeinträchtigt. Dies liegt daran, dass sich Menschen in ihrer Geräuschempfindlichkeit voneinander unterscheiden.

Psychologen zählen Geräuschempfindlichkeit zu den stabilen Persönlichkeitsmerkmalen, den sogenannten „Traits“, die sich im Laufe des Lebens relativ wenig verändern.

Schätzungsweise 20-40% der Bevölkerung reagiert auf Lärm und Geräusche sensibler als andere, etwa die Hälfte von ihnen ist besonders geräuschempfindlich.


Die eigene Persönlichkeit als entscheidende Ursache für geräuschempfindlichkeit

Ist man geräuschempfindlich, dann reagiert man insgesamt stärker auf Geräusche. Man nimmt sie eher wahr, reagiert mit größerem und länger anhaltendem Ärger, interpretiert sie eher als Bedrohung und gewöhnt sich langsamer an sie(1). Die Konzentration leidet, man reagiert genervter, lässt sich eher ablenken – dies ist auch der Grund, weshalb Geräuschempfindliche zwar Musik genauso schätzen wie weniger sensible, sich jedoch von Hintergrundmusik in Geschäften z.B. gestört fühlen und zum konzentrierten Arbeiten eine ruhige Umgebung bevorzugen.

Und es hängt mehr von der eigenen Geräuschempfindlichkeit ab als von der Lautstärke des Lärms an sich, wie sehr man sich von dem Lärm gestört fühlt(2).

Mehr über die Auswirkungen von erhöhter Geräuschempfindlichkeit auf Gesundheit und Schlaf findest Du hier.


Beispiel Wohnung:

Es sind gerade die alltäglichen Geräusche aus Nachbarwohnungen, die man als Geräuschempfindlicher als störend wahrnimmt, z.B.:

      • Trittschall: Schritte, „Trampeln“
      • Tür- und Stuhlquietschen
      • Föhnen, laufende Waschmaschinen oder Geschirrspülmaschinen
      • Geschirrklappern in der Küche
      • Zufallenlassen von (Schrank-)Türen
      • Möbelrücken
      • Duschen, die Toilettenspülung, Geräusche im Bad
      • leise Musik (v.a. mit Bässen) oder ein gerade noch wahrnehmbarer Fernseher
      • Unterhaltungen, Lachen.

Dies macht es für Betroffene besonders schwierig, denn solche oft nicht vermeidbaren Geräusche der Nachbarn muss man hinnehmen – im Gegensatz z.B. zu lauter Musik während der Ruhezeiten.

Lese hierzu auch: 7 Lösungen für Geräuschempfindliche: Weißes Rauschen, Kopfhörer & Co.

In einer Studie konnte gezeigt werden(3), dass sich geräuschempfindliche Collegestudenten durch Lärm in ihrem Studentenwohnheim stärker belästigt und über die Zeit immer gestörter fühlten.


Die Persönlichkeit eines Menschen wird von Psychologen oft durch fünf Faktoren beschrieben, die sogenannten „Big Five“, nämlich:

      • Extraversion
      • Neurotizismus
      • Gewissenhaftigkeit
      • Verträglichkeit
      • Offenheit für Erfahrungen.

Neurotizismus und teilweise auch Introversion werden in Zusammenhang mit erhöhter Geräuschempfindlichkeit gebracht.

Was bedeutet Neurotizismus? Hierunter versteht man die emotionale Stabilität eines Menschen. Je neurotischer, desto angespannter, nervöser und leichter aus der Ruhe zu bringen ist man – auch durch Geräusche. Wer wissen möchte, wie die Big Five bei einem selbst ausgeprägt sind, findet hier einen entsprechenden Persönlichkeitstest.

Inzwischen gibt es einige Fragebögen zur Messung von Geräuschempfindlichkeit. Meist deckt sich deren Ergebnis jedoch mit der einfachen Antwort auf die Frage: „Sind Sie geräuschempfindlich?“ Man kann also selbst sehr gut einschätzen, ob man zu den Betroffenen gehört.


Sind die Gene URSACHE FÜR erhöhte Geräuschempfindlichkeit?

Zwillingsstudien konnten zeigen, dass die Erblichkeit von Geräuschempfindlichkeit bei ca. 36% liegt (4). Das bedeutet: 36% der Unterschiede zwischen Menschen im Merkmal Geräuschempfindlichkeit lassen sich durch Gene erklären. Das ist nicht wenig. Generell gelten Werte zwischen 20-40% als mittlerer Grad an Erblichkeit. In manchen Familien häuft sich somit Geräuschempfindlichkeit, während man in anderen generell eher unempfindlich auf Geräusche und Lärm reagiert.

Wenn Gene für ca. 40% der Unterschiede verantwortlich sind, welche Ursache liegt dann den restlichen 60% zugrunde? Hierfür können unterschiedliche (Umwelt-)Erfahrungen verantwortlich sein, z.B. die Erziehung durch die Eltern, frühere Erfahrungen, Krankheiten usw.. Zusammen bewirken all diese Faktoren, dass man mehr oder weniger stark auf Lärm und Geräusche reagiert.


Geräuschempfindlichkeit und Hochsensibilität

Untersuchungen konnten zeigen, dass Geräuschempfindlichkeit mit einer generellen Sensibilität gegenüber Umweltreizen einhergeht. So reagieren Geräuschsensible auch empfindlicher auf Gerüche wie Zigarettenrauch, auf Farben, Schmerz, Berührung und Helligkeit(5). Umgebungsreize scheinen von Geräuschempfindlichen insgesamt sensibler wahrgenommen zu werden, vielleicht liegt dieser erhöhten allgemeinen Sensibilität eine gemeinsame Anlage zugrunde. Es ist jedoch noch viel Forschungsarbeit zur Prüfung der Frage nötig, ob Geräuschempfindlichkeit und Hochsensibilität dieselbe Ursache haben oder das eine Ursache des anderen ist.

Wer sich intensiver mit Hochsensibilität beschäftigen möchte, dem sei die Seite “Hochsensibel – AuJa” sehr empfohlen. Hier sind neben vielfältigen und gut recherchierten Artikeln zum Thema inzwischen über 60 Podcastfolgen zu den unterschiedlichsten Aspekten von Hochsensibilität zu hören.


Abgrenzung zu Hyperakusis, Misophonie und Phonophobie

Gibt man in Google „Geräuschempfindlichkeit“ ein, dann erscheinen unter den ersten Suchergebnissen vor allem Artikel über Hyperakusis. Doch ist das wirklich dasselbe? In der Forschung werden beide Begriffe oft synonym verwendet, und es fehlt z.T. an einer genauen Definition.

  • Von Hyperakusis sprechen Mediziner, wenn man Geräusche schon bei einer Lautstärke als unangenehm oder sogar schmerzhaft wahrnimmt, die für Gesunde noch „in Ordnung“ ist. Dem liegt wahrscheinlich eine Störung der zentralen Hörbahn im Gehirn zugrunde. Hyperakusis kann bei diversen Erkrankungen auftreten – sie ist dann lediglich ein Symptom(6). Geräuschempfindlichkeit ist dagegen eine relativ stabile Persönlichkeitseigenschaft. Auch M. Heinonen-Guzejev und ihre Kollegen von der Universität Helsinki unterscheiden die beiden Konzepte(7). Evtl. hat ein Teil der Geräuschempfindlichen Hyperakusis – dazu passt, dass mehr Menschen angeben, geräuschempfindlich zu sein, als unter Hyperakusis zu leiden. Unterschiede und vielleicht gemeinsame Ursachen müssen jedenfalls noch weiter erforscht werden.
  • Bei Misophonie werden ganz spezifische Geräusche, z.B. Kauen, als fast unerträglich empfunden und gemieden.
  • Phonophobie meint die Angst vor bestimmten Geräuschen.

Neurophysiologische Besonderheiten bei Geräuschempfindlichen

Geräuschsensible Menschen nehmen Lärm anders wahr als weniger sensible – sie hören allerdings nicht besser. Die Forschung konnte zwar noch kein ganzheitliches Modell der zugrundeliegenden neuronalen Mechanismen entwickeln. Einige Befunde gibt es jedoch bereits – die neurophysiologischen Ursachen für erhöhte Geräuschempfindlichkeit klären sich immer weiter:

  • Wahrscheinlich können Geräuschsensible weniger gut als andere Menschen Reize ausblenden, die für die aktuelle Handlung unwichtig sind. Daher stört z.B. der Verkehrslärm vor dem Fenster oder die Musik aus der Nachbarwohnung, wenn man gerade konzentriert arbeiten möchte.
    Dieser Prozess des Ausblendens unwichtiger Reize nennt sich auch „sensorisches Gating“, und er klappt bei Geräuschempfindlichen weniger gut.
  • Eine Studie konnte zeigen, dass geräuschempfindliche Menschen größere Schwierigkeiten haben, ein bestimmtes Geräusch aus einer Vielzahl anderer Geräusche und Musik zu identifizieren(6). Auch das spricht dafür, dass es ihnen weniger gut gelingt, relevante Geräusche von irrelevanten zu unterscheiden.
  • Eine weitere Studie konnte zeigen, dass Geräuschempfindliche in bestimmten Hirnregionen mehr graue Substanz aufweisen als weniger sensible(8). Dies deutet darauf hin, dass diese Regionen besonders beansprucht werden. Während man früher glaubte, dass sich neuronale Verschaltungen im Gehirn eines Erwachsenen kaum mehr verändern, so spricht man heute von neuronaler Plastizität. Hirnregionen können sich in ihrer Größe und Funktion den Anforderungen anpassen. Und genau dies scheint bei Geräuschempfindlichen der Fall zu sein.Die Studie zeigte mehr graue Substanz in Hirnregionen, die u.a. mit dem Hörprozess und der emotionalen Bewertung von Geräuschen in Verbindung gebracht werden: Nämlich in den beiden Temporallappen, im Hippocampus und der rechten Insula. Anscheinend benötigen Geräuschempfindliche größere Ressourcen, um Geräusche zu verarbeiten.
    Auch die Amygdala scheint involviert zu sein – sie spielt eine wichtige Rolle bei Angst- und Stress-Reaktionen.
  • Geräuschempfindliche gewöhnen sich weniger schnell an wiederholte Geräusche (Habituation), sondern reagieren im Gegenteil sensibler, je länger der Lärm dauert(9). Eine große Rolle hierbei könnten bestimmte Hirnstrukturen und Stresshormone spielen.
  • Der Botenstoff Serotonin könnte bei der Ausprägung von Geräuschempfindlichkeit eine Rolle spielen. In einer Studie zeigten Menschen mit einer bestimmten Genvariante des Serotonin-Transporter-Gens eine sensiblere Wahrnehmung von Umweltreizen, stärkere emotionale Reaktionen, eine tiefere Verarbeitung von Wahrnehmungen, und sie fühlten sich schneller überstimuliert(10).

Quellen:

  1. Stansfeld, S. (1992). Noise, noise sensitivity and psychiatric disorder: Epidemiological and psychophysiological studies. Psychological Medicine. Monograph Supplement, 22, 1-44. doi:10.1017/S0264180100001119.
  2. Taylor SM. A path model of aircraft noise annoyance. J Sound Vib 96(2), 243–260, 1984.
  3. Weinstein ND. Individual Differences in Reactions to Noise: A longitudinal study in a College Dormitory. J Appl Psychol 63, 458–466, 1978.
  4. Heinonen-Guzejev, M., Vuorinen, H., Mussalo-Rauhamaa, H., Heikkilä, K., Koskenvuo, M., & Kaprio, J. (2005). Genetic Component of Noise Sensitivity. Twin Research and Human Genetics, 8(3), 245-249. doi:10.1375/twin.8.3.245.
  5. Stansfeld SA, Clark CR, Jenkins LM, Tarnopolsky A. Sensitivity to noise in a community sample: I. Measurement of psychiatric disorder and personality. Psychological Medicine 15, 243–254, 1985.
  6. Kliuchko, Marina & Heinonen-Guzejev, Marja & Vuust, Peter & Tervaniemi, Mari & Brattico, Elvira. (2016). A window into the brain mechanisms associated with noise sensitivity. Scientific Reports. 39236. 10.1038/srep39236.
  7. Heinonen-Guzejev M, Jauhiainen T, Vuorinen H, Viljanen A, Rantanen T, Koskenvuo M, et al. Noise sensitivity and hearing disability. Noise Health 2011;13. 51-8.
  8. Kliuchko, Marina & Puoliväli, Tuomas & Heinonen-Guzejev, Marja & Tervaniemi, Mari & Toiviainen, Petri & Sams, Mikko & Brattico, Elvira. (2017). Neuroanatomical substrate of noise sensitivity. NeuroImage. 167. 10.1016/j.neuroimage.2017.11.041.
  9. Eriksen HR, Ursin H. Subjective health complaints, sensitization, and sustained cognitive activation (stress). J Psychosom Res 56(4), 445–448, 2004.
  10. Homberg, Judith & Schubert, Dirk & Asan, Esther & Aron, Elaine. (2016). Sensory processing sensitivity and serotonin gene variance: Insights into mechanisms shaping environmental sensitivity. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 71. 10.1016/j.neubiorev.2016.09.029.

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